Düsseldorf Knack, aufgelegt. Schon die Frage nach der Pressestelle ist einem deutsch-russischen Dienstleister dieser Tage scheinbar zu viel. Es herrscht weiter Krieg in der Ukraine, und wir wollen wissen, ob und wie sich der Konflikt auf das Betriebsklima auswirke. Doch ein Anruf dazu scheitert, genauso wie eine Anfrage per Mail.
Nach ein paar Stunden meldet sich der Chef doch noch. Er führe ein deutsches Unternehmen, betont er. Die einzige Verbindung zu Russland sei die Staatsangehörigkeit des Managements. Sonst gäbe es keine Abhängigkeit oder Zugehörigkeit zum russischen Staat. Dabei warfare das gar nicht die Frage.
Seit zwei Wochen attackiert Russland nun die Ukraine, die Länder sind im Krieg. Seither ist die Area tief gespalten. Viele Russen und Ukrainer verbindet zwar Freundschaft oder Familie. An viele Stellen sind aber Schweigen, Skepsis oder gar offene Ablehnung getreten – auch in Deutschland.
Zu den prominenteren Beispielen zählen sicher die Musikkünstler Valery Gergiev und Anna Netrebko, die ihre Engagements verloren, weil sie nicht auf Distanz zu Russlands Einmarsch und seinem Präsident Wladimir Putin gingen. Aber auch abseits davon hinterlässt der Krieg Spuren: In Bietigheim bei Stuttgart wollte ein Wirt ein Zeichen gegen den Krieg setzen und erteilte kurzerhand allen Russen Hausverbot. Nach einem Shitstorm verwarf er die Idee wieder.
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Auch beim Rüstungsunternehmen Heckler & Koch sieht man sich derzeit Diskriminierungsvorwürfen ausgesetzt. Mitte dieser Woche wurde bekannt, dass die Firma Mitarbeiter der Qualitätssicherung mit russischen Wurzeln keine Waffen mehr am Schießstand testen lässt – offiziell aus Sicherheitsgründen.
Das Handelsblatt erfuhr, dass es Sabotagewarnungen seitens der Geheimdienste gegeben hatte. Deshalb hat das Unternehmen „einige wenige Mitarbeiter“ verschiedener Nationen am Stammwerk versetzt, auch aus anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Den Vorwurf der Diskriminierung weist man in Oberndorf aber zurück.
„Was habe ich jetzt zu befürchten?“
Russinnen und Russen am Arbeitsplatz unter Generalverdacht? Das dürfe nicht passieren, sagt die Politik. „Der Krieg in der Ukraine ist Putins Krieg“, twitterte kürzlich Außenministerin Annalena Baerbock. Wer Belarussen oder Russinnen in Deutschland anfeinde, „der greift nicht nur unsere Mitbürger*innen an, sondern auch die Grundprinzipien unseres Zusammenlebens“. Ähnlich äußerte sich CDU-Chef Friedrich Merz. So weit der Anspruch, doch wie sieht die Realität in Deutschlands Wirtschaft aus?
Anfrage bei einer Handvoll Dax-Konzerne und Mittelständler. Auch hier kommen zunächst wenige Antworten. Aktuell sei die State of affairs „zu volatil“, um ein Stimmungsbild einzuholen, heißt es von Siemens Vitality. Der Autobauer Volkswagen hatte vergangene Woche angekündigt, sein Russlandgeschäft zu stoppen. Dass es deswegen intern Kontroversen gebe, will man nicht ausschließen. „Der Fokus liegt aber auf der Unterstützung der betroffenen Menschen durch humanitäre Soforthilfe und auf der Sicherung der Produktion“, erklärt eine Sprecherin.
Einer, der offen spricht, ist Axel Fischer, Chef der München-Klinik. Am Montag nach Kriegsbeginn sendete er eine Nachricht mit hoher Priorität an seine Mitarbeiter, Betreff: Solidarität mit den Menschen in der Ukraine. Die Kernbotschaften: „Zusammenhalten“ und „Wir verurteilen diesen Krieg.“ 7000 Leute beschäftigt Fischer, davon 35 mit ukrainischen und 25 mit russischem Cross. Die Ukrainer waren schon vorher zu Fischer gekommen und hatten um Unterstützung gebeten und Medikamentenlisten geschickt.
Über gemeinsame Werte reden.
(Foto: München Klinik)
Nach der Mail meldete sich eine russische Mitarbeiterin und fragte: „Was habe ich jetzt zu befürchten?“ Sie berichtete von Ressentiments. Kolleginnen und Kollegen hätten sie behandelt, „so, als ob ich selbst den Krieg angezettelt hätte“, schrieb sie dem Klinikchef. Der antwortete ihr: Zu befürchten habe sie nichts. Er erwarte aber schon, dass man den Angriff auf zivile Opfer und die Menschenrechte verurteile. „Darauf habe ich nichts mehr von ihr gehört.“ Vielleicht brauche es hier Gespräche über gemeinsame Werte, so Fischer.
Russische Neighborhood hat große Sorge vor Ausgrenzung
Stimmen aus der russischen Neighborhood ergeben ein gemischtes Bild. Einer sagt zwar: „Ich kenne Russen, die in Deutschland arbeiten, zum Beispiel aus Donez, die würden niemals offen sagen, was sie denken.“ Doch von offenen Diskriminierungen berichtet kaum jemand, eher von Unterstützung und einer differenzierten Sichtweise. „Meine Kollegen sagen, das ist Putins Krieg, nicht eurer – und darüber bin ich sehr froh“, sagt ein Werkstudent eines Dax-Konzerns mit russischen Wurzeln. Trotzdem ist die Sorge vor Ausgrenzung actual.
Julia* ist Webdesignerin in Berlin und lebt seit zehn Jahren in Deutschland. Ihre Financial institution hier habe sie bereits nach ihren Aufenthaltspapieren gefragt, damit sie weiter Rechnungen überweisen und Geld abheben kann. Auch ihr Arbeitgeber habe erste Geschäftsbeziehungen zu Russland gekappt. Sie selbst habe von Kollegen viel Unterstützung in Gesprächen erfahren. „Ich verstehe das schon: Das ist alles geschäftlich und nicht persönlich gemeint“, sagt sie. „Aber wenn der Krieg weiter anhält, mache ich mir schon Sorgen, dass es auch für mich Konsequenzen haben könnte.“
„Die meisten Russen, die hier in Deutschland arbeiten, sind eher westlich eingestellt und wollen in Europa oder Amerika weiter Karriere machen“, sagt ein deutscher Ex-Supervisor von Gazprom. Bei vielen hingen Arbeitserlaubnis und Aufenthaltstitel an der Beschäftigung – gerade, wenn sie für ein russisches Unternehmen im Ausland arbeiten. Einige hätten Angst, dass sie zurückmüssten, wenn Standorte verkleinert oder geschlossen werden. Manche, so der Supervisor, fürchteten gar Repressalien –„wegen ihrer westlichen Einstellung“.
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Bis heute reagieren Teile der Gesellschaft mit Ressentiments auf Menschen, die für Handlungen wie Putins Invasion gar nicht verantwortlich sind. Das spürte auch das russische Bistro Kalinka in der Nähe des Bremer Weserstadions. Auf der Speisekarte stehen Soljanka für 6,90 Euro und Pelmeni für 5,50 Euro. Den Restaurantbewertungen auf Google-Maps nach zu urteilen, hat es Gästen hier zuletzt meist geschmeckt: „Sehr lecker, sehr freundlich, sehr intestine. Wir kommen gerne wieder“, schrieb einer.
Konfliktcoach: „Das ist Rassismus. Das dulde ich nicht.“
Doch seit einigen Tagen sind ganz andere Kommentare dort zu lesen – mutmaßlich von Menschen, die nie bei Kalinka waren: „Der Krieg gegen die Ukraine hat mir dann doch ganz gewaltig den Appetit verdorben“, schreibt ein Nutzer. Ein anderer: „Hier schmeckt auf einmal alles nach Blut von unschuldigen Kindern.“
Das könnte mutmaßlich auf eine Informationskampagne zurückgehen, die das Hacker-Kollektiv Nameless vorangetrieben hat. Und die ganz offensichtlich aus dem Ruder gelaufen ist. Die Idee: Menschen in Russland werden durch die Einschränkung freier Medien und die Staatspropaganda nicht über die wahren Vorgänge in der Ukraine informiert. Deshalb sollten Consumer im Westen virtuell russische Eating places besuchen, ihnen Fünf-Sterne-Bewertungen für das Essen hinterlassen und in den Kommentaren über den Krieg aufklären.
In der Ukraine, Russland und Weißrussland hat Google neue Bewertungen vorübergehend gesperrt. Unternehmen wie Kalinka können eine Löschung erbitten. weil solche Beiträge den Richtlinien widersprechen.
Russenfeindlichkeit im Betrieb? Dann gilt es, Haltung zu zeigen, sagt Konfliktcoach und Mediator Jens Thumser. Der Chef müsse unmissverständlich klarstellen: „Das ist Rassismus. Das dulde ich nicht.“ Seien Hetzer, etwa in der Werkshalle oder der Kantine identifizierbar, „sofort zum Vier-Augen-Gespräch ins Chefbüro zitieren. Und dort deutlich machen, welche Konsequenzen im Wiederholungsfall drohen.“
Tatsächlich seien rassistische oder fremdenfeindliche Äußerungen „schon eine sehr starke Entgleisung“, die häufig direkt in Kündigung münde, sagt Christoph Seidler, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei Kliemt in Hamburg. In milderen Fällen könnten aber auch Abmahnungen oder mündliche Ermahnungen ausgesprochen werden.
Seidler rät: „In diesen politisch aufgeladen Zeiten tun Mitarbeiter und Cooks intestine daran, sich mit ihrer Meinung defensiv zu verhalten“. Wer wisse, dass es Spannungen gibt, der könne „die Linie des Unternehmens noch mal in einer Mail oder einer Teamansprache für alle deutlich machen“ – ohne Einzelne raus- oder anzugreifen. Meinungen vorschreiben dürfen Vorgesetzte ihren Mitarbeitern nicht.
Klinikchef Fischer will mit allen Seiten im Gespräch bleiben: Mit den ukrainischen Kolleginnen hat er vor Kurzem ein Frühstück initiiert. Kommende Woche setzt er sich mit den russischen Kollegen zusammen.
* Alle Namen wurden anonymisiert
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