Athen Der griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis sagte im vergangenen Dezember noch: „Griechenland hat keine Kernkraftwerke, und wir werden auch niemals welche haben.“ Dabei soll es zwar bleiben. Aber um vom Gaslieferanten Russland unabhängiger zu werden, überdenkt die Regierung in Athen jetzt ihre langfristige Strategie in der Energiepolitik.
Atomstrom, der bisher im griechischen Energiemix gar nicht vorkommt, könnte dabei eine wichtige Rolle spielen. Mit dem Nachbarn Bulgarien spricht Griechenland gegenwärtig über langfristige Lieferverträge für Atomstrom. Ein erstes Treffen fand vergangene Woche im Amtssitz von Mitsotakis statt.
Griechenland hat die Gespräche bisher nicht offiziell bekannt gemacht. Aber Regierungskreise in Athen bestätigten dem Handelsblatt: „Es gibt solche Kontakte.“ Auch Serbien und Nordmazedonien zeigten Interesse an Stromimporten aus Bulgarien, sagte der bulgarische Energieminister Alexander Nikolow diese Woche im Parlament in Sofia. Damit bekäme Bulgarien möglicherweise die wirtschaftliche Grundlage für den Bau und Betrieb eines neuen Kernkraftwerks.
Griechenland produziert aktuell quick die Hälfte seines Stroms in Gaskraftwerken. Größter Lieferant ist Russland. 40 bis 45 Prozent der griechischen Gasimporte stammen von dort. Der Relaxation kommt über Pipelines aus Aserbaidschan sowie als Flüssiggas (LNG) unter anderem aus Algerien, Katar, Ägypten und den USA.
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Der russische Staatskonzern Gazprom beliefert Griechenland über Pipelines, die durch das Schwarze Meer, die Türkei und Bulgarien verlaufen. Diese Leitungen sind nicht unmittelbar vom Krieg in der Ukraine betroffen.
Notfallpläne für russische Lieferstopps
Die Regierung in Athen hat aber bereits Notfallpläne für den Fall entwickelt, dass Russland die Gaslieferungen einstellt. Der dann entstehende Engpass soll durch mehr Lieferungen aus Aserbaidschan und durch zusätzliche LNG-Importe ausgeglichen werden.
Die griechische Regierung will bis 2023 alle Braunkohlekraftwerke bis auf eines vom Netz nehmen.
(Foto: imago photographs/ANE Version)
Die Griechen machen deshalb Tempo beim Ausbau ihrer Flüssiggasinfrastruktur. Das Konsortium Gastrade, das beim nordgriechischen Hafen Alexandroupoli ein LNG-Terminal plant, beantragte diese Woche bei den Regulierungsbehörden die Genehmigung für eine zweite Anlage. Damit wächst die Lagerkapazität des Terminals von ursprünglich geplanten 170.000 Kubikmetern Flüssiggas auf 340.000 Kubikmeter.
Der erste Bauabschnitt soll Ende 2023 in Betrieb gehen. Im Endausbau ist das Terminal auf eine Kapazität für regasifiziertes Erdgas von 11,6 Milliarden Kubikmetern professional Jahr ausgelegt. Von Alexandroupoli aus können neben Griechenland auch die Balkanländer mit Fuel versorgt werden.
Anteilseigner von Gastrade sind neben dem griechischen Gasversorger Depa und dem Netzbetreiber Desfa die staatliche bulgarische Bulgartransgaz, der griechische Energiekonzern Copelouzos Group und der Reeder Peter Livano.
Der nordmazedonische Pipelinebetreiber NER plant ebenfalls eine Beteiligung an Gastrade und will sich mit langfristigen Lieferverträgen Fuel aus Alexandroupoli sichern. Ein weiteres LNG-Terminal baut der griechischen Raffineriebetreiber Motor Oil bei Korinth.
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Erdgas spielt, neben dem Ausbau der erneuerbaren Energieträger, in Griechenland beim Kohleausstieg eine große Rolle. Die Regierung will bis 2023 alle Braunkohlekraftwerke bis auf eines vom Netz nehmen.
Das letzte verbleibende Kohlekraftwerk will der staatliche Stromversorger DEI 2025 auf Fuel umstellen. Auch wenn Griechenland weiterhin keine eigenen Kernkraftwerke plant, soll Atomstrom dem Land helfen, seine Klimaziele zu erreichen.
Bereits im Handelsblatt-Interview hatte Mitsotakis erklärt: „Wenn ich mir den gesamten Energiemix in der EU ansehe, kann ich nicht erkennen, wie wir ohne Kernkraft zur CO2-Neutralität kommen wollen.“
Seither haben der Krieg in der Ukraine, die Sanktionen des Westens gegen Russland und die steigenden Preise den Energiemarkt erschüttert. Das werde „alle zwingen, im Hinblick auf die Kernkraft kreativ zu denken“, heißt es jetzt in der Umgebung von Ministerpräsident Mitsotakis.
Vergangene Woche kam eine bulgarische Delegation unter Führung von Finanzminister Assen Wassilew nach Athen, um über Kooperationsmöglichkeiten bei der Nutzung der Kernenergie zu sprechen. Die Pläne seien noch „in einem sehr frühen Stadium“, sagte ein Regierungsmitarbeiter.
Komplizierte rechtliche und wirtschaftliche Fragen
Zu klären sind komplizierte rechtliche und wirtschaftliche Fragen wie der Preis, zu dem Bulgarien den Strom nach Griechenland liefern wird, und die Laufzeit der geplanten Abnahmeverträge. Finanzminister Wassilew nannte als mögliche Vertragsdauer 20 Jahre. Eine Voraussetzung wäre der Bau neuer Höchstspannungsleitungen zwischen beiden Ländern.
Bulgarien betreibt bisher ein einziges nukleares Kraftwerk bei Kosloduj an der Donau. Es ging 1974 ans Netz. Von den ursprünglich sechs Reaktoren russischer Bauart wurden bis 2006 in Übereinkunft mit der EU vier wegen Sicherheitsbedenken abgeschaltet. Zwei neuere Reaktoren sind weiter in Betrieb.
Ein zweites, seit 1984 geplantes Kernkraftwerk bei Belene an der Donau, ebenfalls mit russischer Technologie, blieb unvollendet. Der Bau wurde 2012 wegen Bürgerprotesten und Zweifeln an der Wirtschaftlichkeit eingestellt.
In bulgarischen Medien wird jetzt Belene als möglicher Standort des neuen Atomkraftwerks genannt. Offen ist, mit welcher Technologie es gebaut werden soll. Russische Reaktoren dürften nicht infrage kommen.
Auch zu möglichen Investoren gibt es bisher keine Informationen. Finanzminister Wassilew ist aber zuversichtlich, das Projekt rasch zu verwirklichen: „Wenn wir einen Käufer für den Strom haben, können wir sehr schnell mit der Konstruktion beginnen“, sagte Wassilew jetzt dem bulgarischen TV-Sender Nova.
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