Düsseldorf Der Badausstatter Duravit hat angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine das Neugeschäft in Russland eingestellt. „Ich stehe voll hinter den internationalen Sanktionen gegen die russische Regierung“, sagt Duravit-Chef Stephan Tahy im Interview mit dem Handelsblatt, „es ist Zeit, Haltung zu zeigen.“ Es sei wichtiger, Lkw für die Belieferung der Flüchtlingshilfe zu nutzen als für bestellte Waren nach Russland.
Tahy hat jedoch keine Sorge, dass die weltpolitischen Spannungen die ehrgeizigen Wachstumsziele des Familienunternehmens gefährden könnten. Duravit sei in einer Branche, die bisher enormen Rückenwind spürt. „Ich spreche viel mit Projektentwicklern und bin immer wieder überrascht über die Bautätigkeit im Mittleren Osten, in den USA, aber auch in China“, betont der Chef.
Im abgelaufenen Geschäftsjahr verzeichnete das Unternehmen einen Umsatzrekord mit 604 Millionen Euro, rund 28 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im laufenden Jahr soll der Umsatz auf 725 Millionen Euro steigen. „Die Milliarde wollen wir 2025 knacken – und wir werden sie knacken, da bin ich ganz sicher“, so Tahy.
Sorgen machen ihm die massiv gestiegenen Gaspreise in Deutschland. „Gerade weil wir unseren Mitarbeitern die Garantie gegeben haben, dass wir am Standort Deutschland bleiben, ist es für uns besonders wichtig, dass die Regierung alles dafür tut, dass dieser Standort wettbewerbsfähig bleibt“, fordert der Duravit-Chef.
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Herr Tahy, können Sie sich angesichts der täglichen Meldungen aus dem Ukrainekrieg noch auf Ihre Arbeit im Unternehmen konzentrieren?
Als Erstes im Fokus stehen für mich da meine Mitarbeiter, wir haben zwei in der Ukraine. Da denkt man erst mal nicht ans Geschäft, sondern daran, wie man helfen kann. Eine Familie hat es geschafft, nach Polen zu flüchten und ist von einer Familie unserer Niederlassung in Warschau aufgenommen worden. Die andere ist in Lwiw untergekommen und da zumindest vorübergehend in Sicherheit. Wir haben auch zehn russische Kollegen, die zwar ganz anders betroffen sind als die Ukrainer. Aber auch die fühlen sich nicht wohl in ihrer Haut.
Engagieren Sie sich auch in der Flüchtlingshilfe?
Wir helfen jetzt schon mit unserer Niederlassung in Polen. Alle Flüchtlinge, die dort ankommen, werden versorgt. Und wir werden uns auch an weiteren Hilfsaktionen beteiligen.
Wie geht es weiter mit dem Geschäft?
Das ist in solchen Situationen Priorität zwei. Aber natürlich muss ich als CEO auch darauf einen Blick werfen. Und wir haben schnell entschieden, unser Neugeschäft in Russland vorerst on maintain zu setzen.
Aus moralischen Gründen?
Ich denke, momentan ist es nicht angebracht, nach Russland zu liefern. Ich hätte jetzt kein gutes Gefühl, wenn ich sage: Ich möchte einen Lkw mit bestellter Ware liefern. Auch werden die Lkw für die Lieferung der Flüchtlingshilfe gebraucht, das ist wichtiger.
Um welche Umsätze geht es da bei Ihnen?
Es ist nicht unerheblich, es handelt sich um hohe einstellige Millionenbeträge für uns, aber das ist für mich absolut zweitrangig. Ich stehe voll hinter den internationalen Sanktionen gegen die russische Regierung. Es ist Zeit, Haltung zu zeigen.
Sie haben sich für dieses Jahr hohe Wachstumsziele gesetzt. Ist das durch die weltpolitische Lage gefährdet?
Bis vor dem Krieg haben wir eine sehr hohe Nachfrage erlebt, gerade aus China, den USA und dem Mittleren Osten. Ich sehe da eine hohe Bautätigkeit und eine sehr hohe Nachfrage nach unseren Produkten. Ich kann mir im Second nicht vorstellen, dass das durch den Krieg beeinträchtigt wird. Aber wir haben natürlich alle keine Kristallkugel und wissen nicht, was das letztlich für die Weltwirtschaft bedeutet.
Was macht Ihnen Mut?
Wir sind in einer Branche, die bisher enormen Rückenwind spürt. Ich spreche viel mit Projektentwicklern und bin immer wieder überrascht über die Bautätigkeit im Mittleren Osten, in den USA, aber auch in China.
Sie können im ersten Jahr, das Sie bei Duravit komplett zu verantworten haben, einen Rekordgewinnsprung melden. Welchen geheimen Schalter haben Sie gefunden, den vorher alle übersehen haben?
Das ist nicht nur meine Leistung, Mensch und Maschine haben hier auf Volllast gearbeitet. Und wir haben die Produktionskapazitäten sehr schnell darauf gedreht, was gerade weltweit gefragt ist, das liegt in der DNA von Duravit. Wir haben aber auch bei rund hundert Verantwortlichen die Zuständigkeiten verändert. Und haben dadurch einen besseren Grip auf die Straße bekommen zum Beispiel bei Advertising und Vertrieb. Und zusätzlich haben wir die Bernstein Gruppe übernommen als Zweitmarke für den E-Commerce.
Braucht es für solche Veränderungen den Blick von außen?
Das müssen Sie die Eigentümerfamilie fragen. Aber das battle schon eine Begründung, die ich für meine Einstellung gehört habe. Ich bin nicht der Job-Hüpfer, aber ich bin immer in andere Branchen gegangen. Es hieß dann meist erst mal, du kommst aus einer anderen Branche, du wirst das nie kapieren. Aber ich stelle fest, es gibt in allen Branchen ähnliche Themen.
Was sind denn die wichtigsten überwölbenden Themen?
Das wichtigste ist immer wieder der Kulturwandel. Wie stelle ich ein Unternehmen, das lange intestine gewachsen ist, auf eine veränderte Welt ein und wie bringe ich es auf das nächste Stage. Zentral ist auch die Frage, wie werde ich als Marke wahrgenommen, wie spreche ich meine Zielgruppe am besten an. Und da haben wir das Potenzial von Duravit gerade erst mal wachgeküsst.
Wo sehen Sie Potenzial in der Digitalisierung?
Es geht um Automatisierung, Künstliche Intelligenz in der Produktion, um das Datenmanagement. Was hilft mir Datensalat an 25 Stellen, den ich nicht nutzen kann? Von der Digitalisierung sind alle Bereiche des Unternehmens betroffen, da geht es um viel mehr als nur E-Commerce.
Wie schwierig ist es, solche Veränderungen gegen Widerstände in der Mitarbeiterschaft durchzusetzen?
Das ist die Hauptaufgabe, alle mitzunehmen, gerade in Unternehmen, in denen es keine existenzielle Gefährdung gibt. Da müssen Sie erklären, warum das notwendig ist, obwohl es auf den ersten Blick aktuell doch intestine läuft. Ich verstehe, dass es da auch Ängste gibt. Und du musst auch erklären, warum es wichtig ist, dass wir zweistellig wachsen.
Wo ist da der Druck bei Duravit?
Wir sind ein starkes Familienunternehmen, aber wir sind umgeben von großen Konzernen. Und wenn wir stark bleiben wollen, müssen wir viel investieren. Wir investieren in diesem Jahr mehr als wir Gewinn machen.
Was können Sie den Großkonzernen entgegensetzen?
Duravit ist als Marke weltweit unglaublich positiv verankert, bei Architekten und Projektentwicklern im Ausland quick noch stärker als in Deutschland. Und wir haben einen Wettbewerbsvorteil beim Design.
Wie wichtig sind für Sie Großaufträge?
Das Projektgeschäft liegt international gesehen bei etwa 25 Prozent. Das variiert aber. In China beispielsweise liegt das Projektgeschäft bei 70 Prozent. Aber auch in Europa und USA gibt es immer wieder Großaufträge, wie Stadien oder Inns. Unser Ziel ist es, bei jedem Projekt die komplette Ausstattung zu liefern. Mit den Armaturenserien, die wir jetzt gelauncht haben, sehe ich uns da in der Poleposition. Die Voraussetzungen sind auf jeden Fall intestine.
In welchen Märkten sehen Sie die besten Wachstumschancen?
China ist mittlerweile der größte Markt und es nicht absehbar, dass sich dort das Wachstum abschwächt und die Nachfrage nach unseren Produkten zurückgeht. Gerade mit unseren Armaturen werden wir da noch einen draufsetzen. In den USA haben wir einen neuen Landeschef, der aus der Branche kommt und davon überzeugt ist, dass wir das Geschäft um das Fünf- bis Siebenfache steigern können. Und auch in Europa spricht nichts dagegen, dass wir unseren Marktanteil von heute unter zehn Prozent auf 15 oder 20 Prozent steigern.
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Wie wichtig ist es dafür, dass die konjunkturelle Entwicklung anhält?
Wir hatten wirklich gute Unterstützung durch die starke Baukonjunktur. Aber wenn die nachlässt, haben wir durch die Veränderungen, die wir in den vergangenen zwei Jahren angestoßen haben, trotzdem noch gute Voraussetzungen, unsere Ziele zu erreichen.
Das heißt, bei der Badezimmerausstattung wird nicht gespart?
Nein, das sehen wir nicht. Nehmen Sie das Beispiel Ägypten: Da entstehen vier, fünf Städte aus dem Nichts, plus Freizeitanlagen und Hotelanlagen. Da könnte man meinen, die nehmen jetzt Anbieter aus dem Preiseinstiegssegment. Das Gegenteil ist der Fall. Die wollen eher Produkte aus der mittleren und gehobenen Klasse und da profitieren wir. Und in anderen Ländern ist es genauso.
Welches Wachstum haben Sie für dieses Jahr geplant?
Wir wollen unseren Umsatz um 20 Prozent auf 725 Millionen Euro steigern. Die Milliarde wollen wir 2025 knacken – und wir werden sie knacken, da bin ich ganz sicher.
In allen wichtigen Regionen weltweit sind Sie mit eigenen Produktionen vor Ort. Welchen Vorteil hat das?
Da beneiden uns viele darum, das haben wir in der Vergangenheit intuitiv richtig aufgesetzt. Das ist betriebswirtschaftlich die richtige Strategie und man macht sich damit unabhängig von Lieferkettenproblemen. Und auch aus Nachhaltigkeitsgesichtspunkten ist das der beste Weg.
Sie haben sich zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2045 klimaneutral zu werden. Auf den ersten Blick klingt das nicht sehr ehrgeizig. Das ist so lang hin, da sind Sie schon längst nicht mehr CEO.
Wir gehören einfach mit unserer Industrie zu denen, die es da besonders schwer haben. Ich will nicht jammern, aber die Faktenlage ist so. Wenn Keramik gebrannt wird, braucht man Fuel oder Öl, es entsteht viel CO2. Das ist ähnlich wie in der Zement- oder Stahlindustrie mit einer großen Herausforderung verbunden. Aber das wollen wir lösen.
Die Unternehmergespräche im Handelsblatt:
Wie weit sind Sie auf dem Weg?
Auch da haben wir intuitiv schon einiges richtig gemacht, aber wollen das jetzt dramatisch verstärken. Wir haben uns Porsche Consulting als Accomplice geholt und erst mal eine Statuserhebung gemacht. Was wir machen, machen wir richtig, wir wollen hier keine Fakes aufbauen.
Was heißt das genau?
Es geht nicht um Kompensation. Rund 75 Prozent unseres CO2-Footprints entfallen auf den eigentlichen Brennvorgang. Und wir haben den Ehrgeiz, die erste Keramikfertigung weltweit aufzubauen, die tatsächlich klimaneutral ist. Da bleibt kein Stein auf dem anderen. Wir tun wirklich alles dafür, aber das ist ein großer Schritt. Und wenn wir es dann früher erreichen, umso besser.
Sehen Sie das eher als Pflicht oder als Probability?
Ich sehe es als Probability. Wir sehen uns da als Unternehmen nicht als Getriebene. Es ist ja nicht nur das gute Gefühl, etwas für die Zukunft deiner Kinder zu tun. Es wird auch nachgefragt von den Konsumenten.
Gilt das nur für Deutschland oder weltweit?
Das ist eine gute Frage, die stelle ich auch immer. Wir haben unterschiedliche Geschwindigkeiten. Ich sehe da Europa schon vorne, aber auch in Asien kommt dieses Bewusstsein immer mehr. Der Development geht überall in diese Richtung.
Duravit will bis 2045 klimaneutral werden.
(Foto: Duravit)
Der Druck ist für Sie aktuell zusätzlich gestiegen. Der Krieg in der Ukraine beschleunigt noch mal den Anstieg der Energiekosten. Macht Ihnen das Angst?
Wir haben in der Tat Sorgen um den Industriestandort Deutschland, denn der ist von den hohen Energiekosten schon enorm betroffen – nicht nur durch die aktuelle Krise, sondern auch durch die Besteuerung. Die Gaspreise gehen ja nicht langsam nach oben, sondern mit dem Katapult. Gerade weil wir unseren Mitarbeitern die Garantie gegeben haben, dass wir am Standort Deutschland bleiben, ist es für uns besonders wichtig, dass die Regierung alles dafür tut, dass dieser Standort wettbewerbsfähig bleibt.
Es gibt schon Stimmen, die fordern, den Gasimport aus Russland einzustellen. Sind Sie denn überhaupt sicher, dass sie bald noch ausreichend Fuel bekommen?
Momentan rechnen wir nicht damit, dass wir einen Gasmangel bekommen. Wir gehen davon aus, dass Flüssiggas über europäische Häfen angeliefert werden kann und wir damit das meiste kompensieren können. Aber die Kosten werden dann natürlich noch mal in die Höhe schnellen.
Herr Tahy, vielen Dank für das Interview.
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